St. Ansgar Kinder- und Jugendhilfe im Wandel der Zeit

Bischöfe gründen „Katholisches Jugendwerk St. Ansgar e.V.“ (1948-1959)

1948 übergab in Delmenhorst die britische Militärregierung der Evangelischen und Katholischen Kirche den einstigen militärischen Flugplatz Adelheide mit seinen Gebäuden und Einrichtungen zu einem bestimmten Zweck: Hier sollten Kinder, die aufgrund der Folgen des Zweiten Weltkrieges eltern- oder familienlos waren, ein neues zu Hause finden. Im Zuge dessen wurde von Bischöfen der britischen Besatzungszone das „Katholische Jugendwerk St. Ansgar e.V“ gegründet. Die evangelische Kirche gründete das „Ev. Luth. Wichernstift“. Der Name St. Ansgar sollte bleiben, der ehemalige Flughafen sich aber nicht als dauerhafter Wohnort für die Kinder und Jugendlichen erweisen. 1959 wurde der Flughafen seiner ursprünglichen Bestimmung zugeführt und bereits 1957 mit der Planung neuer Einrichtungen begonnen. Vorübergehend wurden die Kinder im Heim „Schleswig-Holstein“ in Braunlage untergebracht. 

Zwei Gebäudekomplexe wurden im Zuge dessen von dem „Katholischen Jugendwerk St. Ansgar“ ins Leben gerufen. Jungen im Alter von 6-19 Jahren wurden in Hennef-Happerschoß bei Siegburg untergebracht, schulpflichtige Mädchen in einer neuen Einrichtung in Hildesheim. Beide unter dem Namen St. Ansgar. St. Ansgar war in Hildesheim nicht das erste katholische Heim für Mädchen. Bereits Mitte des 19. Jahrhunderts wurde von den Barmherzigen Schwestern vom heiligen Vinzenz von Paul ein Kinderheim errichtet. „Klein Bethlehem“ lag neben der Michaeliskirche, das Gebäude wurde während des Krieges zerstört. 

 

Entstehung des Kinder- und Jugenddorfs St. Ansgar

Die Suche nach einem geeigneten Gelände begann ebenfalls 1957. Der Moritzberg wurde ins Auge gefasst, über den Schießplatz auf dem Galgenberg mit der Stadt verhandelt. Letztendlich entschied man sich für das Gelände am Lönsbruch, bald mit der heute noch gültigen Adresse Wiesenstraße 23 E versehen. 

Der Architekt Horst Langer entwarf den Plan für die neuen Gebäudekomplexe. Die Kinder- und Jugendlichen sollten in einem eigens konzipierten Dorf leben. Die Häuser des „Kinder- und Jugenddorfs St. Ansgar“ wurden entlang der „Dorfstraße“ angesiedelt. Sechs Kinderhäuser und eine Heimschule wurden geplant, die Häuser I-IV im Oktober 1960 fertiggestellt. Die Schule und die Häuser V-VI befanden sich bereits im Rohbau. Plante man zu Beginn pro Haus höhere Belegzahlen, so wurden diese aus pädagogischen Gründen im Laufe der Jahre reduziert und somit, um die Belegzahl von 104 Kindern zu halten, auch weitere Bauten notwendig. Das letzte Gebäude, Haus VIII, wurde 1973 errichtet. Als Schule diente zu Beginn Haus IV und ebenso als Lager für Möbel, Geschirr und Wäsche. Wenig Geld allerdings gab es für neues Mobiliar. Dieses erwarb der Caritasverband von einem anderen Kinderheim in Harburg, das kurz zuvor schließen musste.

Schwester M. Fabiola, erste Oberin des Katholischen Jugendwerks St. Ansgar, schreibt in ihrer Chronik über die Vorbereitungen zum Einzug: „Hier ist es an der Zeit, den nimmermüden Fleiß des Hausmeisters zu loben, der wie ein Packesel die schweren Kisten und Tonnen von einem Haus zum anderen schleppt, - die Aufmerksamkeit der Konrektorin der katholischen Schule am Moritzberg Fräulein Freis, die sich stets etwas einfallen läßt für den Einsatz ihrer Schülerinnen aus dem 8. Schuljahr, sei es Fenster putzen, Matratzenklopfen, Betten beziehen, Geschirr einräumen, Wäsche einräumen u.ä.m“.

Üblicherweise wurden katholische Heime Ordensschwestern übergeben. Das Mutterhaus der Missionsschwestern Mariens, in Kloster Nette bei Osnabrück erklärte sich bereit, St. Ansgar zu leiten und die Erziehung der Kinder zu übernehmen. Bereits das Heim in Braunlage wurde von den Ordensschwestern geführt. Der Orden war bis 1989 mit der Leitung St. Ansgars betraut, seitdem befindet es sich unter weltlicher Führung. Die letzte Ordensschwester arbeitete hier bis 1995. 

 

Die ersten Kinder

Am 26.10.1960 werden die Gebäude St. Ansgars mit Leben gefüllt. Schwester Fiola schreibt:„[U]m 13 Uhr mittags macht sich ein großer Bus von Hildesheim nach Braunlage auf den Weg, um nun […]Schwestern und Kinder, zu holen. Bei strömendem Regen kommen sie um 16 Uhr in St. Ansgar an“. 22 Kinder wurden zu Beginn auf zwei Erziehungsgruppen verteilt. Kleinkinder und Säuglinge sollten erst später hier ein neues zuhause finden. In jedem Haus arbeitete zu Beginn eine Ordensfrau, die als Erzieherin ausgebildet war, eine hauswirtschaftlichen Helferin, eine Kinderpflegerin sowie Praktikantinnen. 

Am 03.02.1961 beginnt eine Tradition, die bis in die Gegenwart fortgesetzt wird. Findet heute das Patronatsfest des heiligen St. Ansgars (801 -885) in der 2002 errichteten Heinrich-Schenk-Halle statt, die größtenteils als Sporthalle fungiert, feierte man damals gemeinsam im Festsaal den einstigen Bischof von Hamburg-Bremen, der als kleines Kind seine Mutter verlor und später ein Kloster und eine Schule errichtete. Eine katholische Einrichtung benötigt daher auch einen eigenen sakralen Raum. Im November 1962 wurde der Grundstein einer Kapelle gelegt und diese im August in einem Festakt 1963 vom Hildesheimer Bischof Heinrich Maria Janssen geweiht. Ein Fenster mit Abbildungen des Heiligen St. Ansgars ziert den Kirchraum und seit 1979 ein vom Hildesheimer Künstler Paul König entworfenes Buntglasfenster. Auch wenn nicht alle Kinder der heute durch Außenwohngruppen geprägten Einrichtung regelmäßig die Kapelle besuchen, so ist sie Zentrum für die gemeinsamen christlichen Feste sowie die monatlich stattfindenden Mitarbeitergottesdienste. 

 

Ein Dorf mit Wohngruppen, Kindergarten, Heim- und Erzieherschule

Von Beginn an war St. Ansgar nicht nur als Wohnraum konzipiert. Kleinkinder wurden seit 1965 in einem eigens erbauten Kindergarten betreut. Die Hälfte der Plätze wurde von Kindern aus Hildesheimer Familien in Anspruch genommen. Auf diese Weise sollten den eigenen Kindern Außenkontakte ermöglicht werden. Da die Zahl der Kleinkinder in St. Ansgar seit Ende der 70er Jahre kontinuierlich abnahm, wurde der eigene Kindergarten im Sommer 1980 geschlossen und im selben Gebäude 1981 eine heilpädagogische Gruppe für schulpflichtige Kinder eröffnet. Die Kleinkinder hingegen besuchen seitdem Einrichtungen im Raum Hildesheim und sind somit auch im ständigen Kontakt mit anderen Hildesheimer Kindern. Schon früh setzte der Diözesan-Caritasverband Hildesheim e.V. nicht nur auf die Erziehung der ihnen anvertrauten Kinder, sondern auch auf die Ausbildung der Erziehenden. So wurde 1961 ein Seminar für die Erzieherausbildung gegründet, aus dem später die St. Ansgar-Erzieherschule hervorging. Einige der heute in St. Ansgar arbeitenden Erzieher erlernten hier den Beruf. Auch gegenwärtig werden in diesem Schulgebäude, jetzt unter dem Namen „Elisabeth-von-Rantzau“ unter anderem Erzieherinnen und Erzieher ausgebildet. Den neuen Namen erhielt die Schule 1995, seit dem wird sie – unter Trägerschaft des Diözesan-Caritasverbandes – selbständig geführt. Auch den Kindern sollte von Beginn an eine eigene Schule zur Verfügung stehen und so wurde 1960 die St. Ansgarschule eröffnet. Ursprünglich gedacht als eine Vorbereitungsschule für den Regelschulbesuch fusionierte sie 1986 mit der Schule des ehemaligen Bernwardshofs. Die heute staatlich anerkannte Ersatzschule ist seitdem berechtigt Schulabschlüsse zu vergeben. Die Schule orientiert sich an den Richtlinien der Grund-, Haupt- und Förderschule. Gezielt wird die soziale und emotionale Entwicklung der 120 Schüler der Jahrgansstufen eins bis neun gefördert. Die Zusammensetzung der Lerngruppen erfolgt nicht zwingend nach Lebensalter, sondern nach den jeweiligen Fähigkeiten, so dass eine individuelle Förderung möglich ist. 

 

Zeit anders gestalten. Die Anfänge der Freizeitpädagogik

Einrichtungen wie St. Ansgar sind im ständigen Wandel begriffen, dies betrifft sowohl die Veränderung räumlicher Rahmenbedingungen als auch die Anwendung pädagogischer Methoden. Einen größeren Stellenwert nahm zu Beginn der 80er Jahre die Gestaltung des Außengeländes ein, um den gegenwärtigen Freizeitbedürfnissen der Kinder gerecht zu werden. 1980, rechtzeitig zum 20jährigen Jubiläum St. Ansgars, wurde unter anderem ein asphaltierter Spielplatz für Ballsportarten errichtet, eine Seilbahn installiert und eine Torwand aufgebaut. Der neue Fußballplatz ersetzte den kleinen. Freizeitpädagogische Aktivitäten erstreckten sich weder damals noch heute nur auf dem eigenen Gelände. Verschiedene Gruppenaktivitäten – gemäß den unterschiedlichen Jahreszeiten – standen im Fokus. Wichtig war vor allem auch, das Interesse der Kinder für Hildesheimer Sportvereine zu wecken. Durch die Fußball-, Handball oder Tischtennisvereine sowie vereinzelt Balletschulen konnten die Kinder vermehrt soziale Kontakte aufbauen Ein eigener freizeitpädagogischer Bereich entstand 1979 durch die Einstellung einer Ergo-Therapeutin und wird bis heute größtenteils von Sozial- und Kulturpädagogen fortgeführt. Der jeweils für die Freizeitpädagogik verantwortliche Mitarbeiter arbeitet nicht als Erzieher in einer der Wohngruppen, sondern bietet gruppenübergreifend Angebote an, die je nach Geschlecht oder Alter von allen Kindern wahrgenommen werden können. Mitarbeiter aus den Wohngruppen leiten zudem ergänzende Projekte. So können Kinder- und Jugendliche klettern, Fußball spielen, segeln, Kanu fahren, Theater spielen, Musik machen, tanzen, ihre Geschicklichkeit im eigenen Zirkusprojekt und ihre Ausdauer in einem Laufprojekt unter Beweis stellen. St. Ansgar ist mit diesen, zum Teil landes- und bundesweit prämierten Projekten, in der Hildesheimer Öffentlichkeit bei Festen und Veranstaltungen präsent. 

 

Gesellschaftliche Herausforderungen brauchen neue Lösungen

Eine sich im Wandel befindende Gesellschaft lässt auch immer neue Ursachen entstehen, die ein Leben der Kinder in ihren Herkunftsfamilien erschwert und eine Heimunterbringung notwendig machen. Die Wohngruppen wurden daher verstärkt nach dem individuellen Förderbedarf der Kinder gebildet und mit einem jeweils eigenen pädagogischen Konzept versehen. Zudem stieg der Bedarf an Heimplätzen. Das Kinder- und Jugenddorf zu erweitern war weder möglich noch angestrebt, vielmehr setzte man auf Dezentralisierung. Der Prozess der Individualisierung ließ sich mit dem pädagogischen Konzept der Außenwohngruppe vereinbaren. Seit 1987 gibt es in der Gemeinde Betheln bei Hildesheim die erste Außenwohngruppe St. Ansgars. 17km von Hildesheim entfernt leben auch heute noch Kinder und Jugendliche in einem ländlich gelegenen Haus. Ganz alleine ist man hier nicht. Tiere werden gehalten und in den pädagogischen Alltag integriert. Betheln sollte nicht der einzige Standort bleiben. Im selben Jahr wurden in der Alfelder Straße und 1996 im Stadtteil Himmelsthür Häuser bezogen. Aufgrund von standortbedingten Rahmenbedingungen mussten die beiden letztgenannten Wohngruppen umziehen. In Heersum gibt es seit 2004 eine Wohngruppe, die den Prozess der Verselbständigung der Kinder in mehreren Schritten zunächst vor Ort und später durch Hausbesuche begleitet. Auf dem Moritzberg leben seit 2006 Kinder- und Jugendliche in einer Wohngruppe, mit dem Schwerpunkt integrativer Pädagogik, sowie in direkter Nachbarschaft seit 2008 eine Mädchenwohngruppe, die zuvor „Am Brühl“ angesiedelt war. Für einen speziellen therapeutischen Förderbedarf stehen seit 2009 Plätze in einer eigens eingerichteten therapeutischen Wohngruppe in Hildesheim zur Verfügung. Wöchentliche psychotherapeutische Sitzungen, von einem Diplom-Psychologen sowie einem Psychotherapeuten, sind für die hier lebenden Bewohner ein verpflichtendes Angebot.

Für alle Wohngruppen gilt: St. Ansgar sollte nur dann ein dauerhafter Wohnort sein, wenn eine mögliche Reintegration in die Herkunftsfamilie unmöglich erscheint. Eine Zusammenarbeit mit dem familiären Umfeld bietet daher eine wichtige Grundlage. Der stationären Unterbringung wird durch präventive Maßnahmen St. Ansgars entgegengewirkt. 1983 wurde daher die erste Tagesgruppe eröffnet. Aufgabe war es zu Beginn Kindern und Jugendlichen die Reintegration in ihre Herkunftsfamilien nach einer stationären Unterbringung zu erleichtern. Die mittlerweile sieben in Hildesheim, Coppenbrügge, Alfeld, Nettlingen angesiedelten Tagesgruppen haben jetzt das Ziel, den Verbleib in den Familien zu sichern. Eine enge Zusammenarbeit mit Eltern, Schule und sozialem Umfeld ist daher Grundvoraussetzung. Hilfe bietet St. Ansgar auch direkt vor Ort. Seit 1996 gibt es den Ambulanten Dienst, der Kinder und Jugendliche an ihren Wohnorten betreut. 

Erziehungstellen ergänzen seit 2003 das Hilfeangebot. Die Kinder leben hier in der häuslichen Umgebung mit mindestens einer pädagogischen Fachkraft. Die familienähnliche Struktur bietet dabei den Kindern die Möglichkeit kontinuierliche Bindungen einzugehen und Teil der Lebenswelt der Betreuenden zu werden. 

„Kinder- und Jugendhilfe“ ist immer abhängig von den gesellschaftlichen Rahmenbedingungen. Und somit ist St. Ansgar im ständigen Wandel begriffen. Kindern die Chancengleichheit zu ermöglichen, die andere von Geburt an haben und sie für ein selbstbestimmtes Leben stark zu machen, bleibt die immer gleiche Aufgabe.